Interview Museum Löhne

Medienstation Musuem Löhne
Foto zur Verfügung gestellt von Sonja Voss (Museum Löhne)

Im Interview mit Sonja Voss

Sonja Voss (45) ist gelernte Tischlerin mit einem Magister in Philosophie und Ausbildungen in Museumspädagogik und Kulturmanagement. Sie arbeitet in unterschiedlichsten Funktionen für Museen in der Region OWL. Als Museumsleiterin des Heimatmuseums der Stadt Löhne, in der Vermittlungs- und Konzeptionsarbeit im Städtischen Museum Herford sowie freiberuflich als Ausstellungsgestalterin und Beraterin immer da, wo es gerade besonders spannend ist.




Anarchaeologie: Heimatmuseen haben ja meistens eine Gründungsgeschichte, die aus der lokalen Bevölkerung hervorgegangen ist und nicht selten ehrenamtlich geführt werden, wie gestaltet es sich bei dem Heimatmuseum Löhne? 

Sonja Voss: Auch hier ging die Initiative von Ehrenamtlichen, in diesem Fall dem Heimatverein Löhne e.V. aus, der mit viel Mühe die Einrichtung des Museums begleitete und bis heute ein wichtiger Unterstützer und Kooperationspartner ist. Seit mehr als zwanzig Jahren wird das Museum nun nicht mehr ehrenamtlich sondern als Städtisches Museum hauptamtlich betreut. Nach einer ersten „Runderneuerung“ 2012 können wir neun Dauerausstellungsräume und einen Sonderausstellungsraum zeigen. 

Anarchaeologie: In ihrem Social Media Auftritt bei Facebook und Instagram heißen sie „Museum Löhne“ und nicht „Heimatmuseum Löhne“ – befinden Sie sich in einem Umbenennungsprozess und wenn ja, wie gestaltet sich dieser? 

Sonja Voss: Der Begriff „Heimat“ in Verbindung mit einem Museum scheint besonders für jüngere Menschen problematisch. Schnell werden hiermit Assoziationen wie Heimatstube, Spinnrad und Co. verknüpft, aber kein differenzierter Blick auf die Stadtentwicklung erwartet. Wir sind als regionales Museum ein Haus, das sich mit der Geschichte vor Ort beschäftigt und möchten den Begriff „Heimat“ lieber diskutieren als ihn einfach verschwinden zu lassen. Dafür muss man aber erst einmal ins Gespräch kommen… 

Anarchaeologie: Wie gehen Sie als Museum mit dem Thema Digitalisierung um?

Sonja Voss: Wir sind ein im Verhältnis recht kleines Museum mit wenig Ressourcen, die Digitalisierung von Sammlungsgut für interne wie externe Zwecke wie auch die Verbesserung des Zugangs zu unseren Angeboten sind uns aber wichtig. Mit Partnern vor Ort gibt es zudem Einzelprojekte: Zurzeit läuft mit der Geschichtswerkstatt  sowie  dem Stadtarchiv ein Projekt, das Gewerbekataster der Stadt zu digitalisieren und mit Hilfe des Geschichtsportals im Kreis Herford daraus eine interaktive Karte zu erstellen, für deren Ansicht dann allein ein Internetzugang ausreichend ist. Zudem werden Interviews mit Zeitzeugen gesammelt und nach und nach zugänglich gemacht. 


Anarchaeologie: Was können Besucher*innen im Museum Löhne/ Heimatmuseum Löhne kennenlernen? Haben Sie Schwerpunkte? 

Sonja Voss: Die Stadt Löhne entstand als Stadt erst 1969: Damals wurden fünf Gemeinden des Amtes Löhne zur Stadt zusammengefügt. Es gibt dadurch keinen historischen Stadtkern, keine Stadtmauer (aber zwei Burgen) und auch kein weit zurück reichendes Archiv. Der Rundgang im Museum beginnt mit einem Raum, in dem die letzten 7000 Jahre Siedlungsgeschichte mit den wichtigsten „Landmarken“ vorgestellt werden. Hier geht es nicht immer um weltgeschichtliche Relevanz der Ereignisse sondern um die Bedeutung für die regionale Entwicklung. In diesem Raum werden auch die Schwerpunkte des Rundgangs vorgestellt: Das Leben in der Region und was es ausmacht anhand von eiszeitlichen Funden, archäologischen Spuren von der Steinzeit bis ins Mittelalter, dem Leben auf dem Land, den Besonderheiten des „Linnenländles“, dem Bau der Eisenbahn und dem Beginn der Industriealisierung mit den Schwerpunktindustrien Zigarren und Möbelindustrie. Ein weiterer Raum soll demnächst die Stadtentwicklung seit 1969 vorstellen. 

Anarchaeologie: An wen (Zielgruppe(n)) richtet sich das Museum? 

Sonja Voss: Wir hoffen, mit der ständig überarbeiteten Dauerausstellung und dem Begleitprogramm aus Thführungen, Vorträgen, Workshops, Kindergeburtstagen und Familiennachmittagen, Museumsfest und Gartenmarkt ein Museum zu sein oder zu werden, das Relevanz für die gesamte Stadtgesellschaft hat und vom niedrigschwelligen Angebot bis zur Expertenrunde alles bietet. Wir machen uns aber wenig vor: Ein Tourismusmagnet für den internationalen Reiseverkehr werden wir wohl nicht. 

Anarchaeologie: Wie geht es dem Heimatmuseum unter den veränderten Bedingungen, die mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einhergehen? 


Sonja Voss: Ein Museum ohne Besucher ist ein recht trauriger Ort… Wir haben versucht, Angebote  online zu stellen um weiter sichtbar zu bleiben, haben uns im letzten Jahr am ersten „Digitalen Museumstag“ beteiligt, eine Online-Upcycling-Challenge (im Rahmen einer Ausstellung zur Nachhaltigkeit, die kurz nach der Eröffnung geschlossen werden musste) ausgelobt, eine Ausstellung komplett digital eingestellt. Aber das Budget ist klein und uns fehlen die Mittel aus Veranstaltungen. Aber wir haben über das Förderprogramm „Neustart“ Mittel für eine zentrale Einstiegsstation und Hörstationen in einigen Räumen bekommen, mit denen wir – solange wir öffnen dürfen – die personale Vermittlung im Museum nicht ganz ausfallen lassen müssen. Schön ist es, zu sehen, wie viele Besucher*innen nachfragen, wie es bei all den Schließungen und Wieder-Öffnungen geht! Als wir jetzt im März nach langer Schließung wieder öffnen durften, kamen glückliche Besucher, die uns vermisst hatten und sich darauf freuten, endlich wieder ins Museum gehen zu können. 

Anarchaeologie: Sie haben ja gerade eine Medienstation (siehe Titelbild) installiert, in welcher ein Video ("Ausgrabungen einfach erklät") uns zu sehen ist, was uns sehr freut! Wie sind Sie auf uns gekommen und was erhoffen Sie sich museumsdidaktisch von der neuen Station? 


Sonja Voss: Die Station konnte im Rahmen des schon erwähnten Förderprogramms angeschafft werden. Wir versuchen -in dem Museumsraum in dem die frühen Siedlungsspuren vorgestellt werden- anhand eines Schichtenmodells einer früheren Grabung auf Löhner Gebiet zu zeigen, wie Archäologie „funktioniert“. Vor allem möchten wir darauf hinweisen, wie wichtig auch unscheinbar scheinende Befunde sein können, um eine Zeit besser zu verstehen. Wie komplex eine Grabung ist und wie vielfältig die Möglichkeiten der Untersuchung und Restaurierung der Befunde und Funde, zeigen normalerweise  eine kleine Mitmachstation (die wir im Rahmen der Corona-Schutzmaßnahmen abbauen mussten) und eine ausführliche schriftliche Anleitung zum Blättern. Mit der neuen Station hoffen wir, auch diejenigen zu erreichen, die den langen Text nicht lesen können oder möchten und die zurzeit weder selbst ausprobieren noch eines unserer Programme buchen können. Auf Sie gestoßen bin ich schon vor einiger Zeit bei Recherchen zum Thema Gender in der Archäologie und habe immer einmal wieder geschaut, was es Neues gibt. Vielen Dank für die tolle Arbeit und dafür, dass wir sie im Museum zeigen dürfen! 


Anarchaeologie: Wen möchten Sie durch die Station erreichen? 

Soja Voss: Im Idealfall jeden unserer Gäste. In der personalen Vermittlung wird immer wieder besonders deutlich, wie spannend plötzlich selbst eine schlichte Keramikscherbe für die Besucher werden kann, wenn man sie richtig einordnet. Wir hoffen, dass die Station einen ähnlichen Effekt hat und den Blick der Besucher*innen auf die Exponate leitet. 

Anarchaeologie: In vielen städtischen Museen wird die Archäologie eher stiefmütterlich behandelt – teils wegen eines Fokus auf die jüngere Stadtgeschichte, teils weil archäologisch spezialisiertes Wissen fehlt. Welche Rolle spielt die Archäologie in Ihrer Dauerausstellung? Wird nur die Archäologie gezeigt, die mit der mittelalterlichen Geschichte der Stadt in Verbindung steht oder sind auch ältere Funde zu sehen, die vom Gebiet der Stadt stammen? 

Sonja Voss: Wie oben erwähnt hat Löhne als Stadt eine eher kurze Geschichte. Mit der Erklärung der „Zusammenlegung“ von fünf Gemeinden zu einer Stadt musste sich nicht nur eine gemeinsame Infrastruktur sondern auch die Identität der Stadt entwickeln. Das Museum möchte dazu beitragen und sichtbar machen, was die Region verbindet und wie sie nach und nach zur Stadt zusammengewachsen ist. Im ersten Raum der Dauerausstellung, der wie an einem roten Faden die Siedlungsgeschichte vorstellt, spielen archäologische Funde bis ins 16. Jahrhundert die Hauptrolle. Dabei werden sowohl Funde herangezogen, die eine durchgehende Siedlungstätigkeit belegen als auch solche, die speziell die besondere Lage an einem frühen Verkehrsknotenpunkt betonen. Hierzu zählen auch Funde aus dem Kontext römischer Truppenbewegungen. Im Themenraum zu den so genannten „Frühen Spuren“ werden Funde vom Faustkeil bis zu einem Einbaum aus dem 6. Jahrhundert vorgestellt, anhand derer das Leben und die Lebensbedingungen in der Region etwas greifbarer werden.

Anarchaeologie: Wie sind Sie zum Museum gekommen und was tun Sie dort genau? 

Sonja Voss: Das Museum kenne ich seit meiner Kindheit, mein früherer Erdkundelehrer war dort Museumsleiter und meine Klasse hat das Haus mit ihm besucht. Nach dem Studium und langer freiberuflicher Arbeit für (unter anderem auch archäologische) Museen in der Region habe ich es mir wieder angesehen und dem damaligen Leiter angeboten, bei einer Neuausrichtung mitzuhelfen. Aus diesem Hang zur Nostalgie wurde irgendwann der Job als Museumsleiterin. Leider ist es nur eine Drittel-Stelle, weitere Museums-Mitarbeiter gibt es -abgesehen von einem wunderbaren Team ehrenamtlicher Museumsaufsichten- nicht. Dank der guten Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen aus der Stadtverwaltung und den Ehrenamtlichen vor Ort lässt sich aber viel verwirklichen. Durch die lange freiberufliche Arbeit sind zudem viele Kooperationen entstanden, die am Ende hoffentlich helfen, den Besucher*innen einen Museumsbesuch bieten zu können, der Lust auf mehr (Museum) macht!

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