Mehrgeschlechtliche Darstellungen im Paläolithikum (Teil III)

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Anmerkung: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, bestimmte sprachliche Kennzeichnungen zu verwenden. Daher wird beispielsweise der „Gender-Stern“ (*) verwendet, um deutlich zu machen, dass nicht von einem binären Geschlechtersystem ausgegangen wird. Der „Gender-Stern“ (*) nach den Begriffen Frau (Frau*) und Mann (Mann*) wird hierbei eingesetzt, um aufzuzeigen, dass es sich um gesellschaftlich konstruierte Kategorien handelt, welche hier lediglich als Analysekategorien benutzt werden. Auf Sternchen hinter dem Begriff „Frauendarstellungen“ wird verzichtet, da es sich hierbei um eine Beschreibung in der Analyse von paläolithischen Darstellungen handelt.

3. Beitrag: Die mehrgeschlechtlichen Darstellungen des Paläolithikums 

Nachdem im ersten Teil und zweiten Teil der Reihe verschiedene Aspekte von Geschlecht und paläolithischen Figurinen behandelt wurden, stellen wir in unserem letzten Beitrag die mehrgeschlechtlichen Darstellungen vor und behandeln sowohl frühere Interpretationen wie auch die Bedeutung dieser Figurinen für die paläolithische Kunst.

Was sind mehrgeschlechtliche Figuren und welche gibt es? 

Was sind mehrgeschlechtliche Figuren? Mit mehrgeschlechtlichen Darstellungen sind Figuren gemeint, welche sowohl biologisch weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen oder auf andere Weise nicht in nur einer der beiden binären Kategorien von männlich und weiblich eingeordnet werden können. Mehrgeschlechtliche Statuetten gehen somit über die binären geschlechtlichen Kategorien der modernen westlichen Gesellschaft hinaus. Sie stellen eine besondere Möglichkeit dar, die binäre Kategorisierung und Aufteilung nicht nur der mehrgeschlechtlichen Figuren in Frage zu stellen, sondern auch unsere allgemeine Einteilung von paläolithischen Figuren in männlich und weiblich in Frage zu stellen. 

Der Aspekt der Mehrgeschlechtlichkeit lässt sich auf unterschiedliche Weise an den verschiedensten Figuren erkennen. Bis zum heutigen Forschungsstand liegen mehrgeschlechtliche Darstellungen nur als tragbare Objekte vor, während die paläolithische Höhlenmalerei keine Menschen mit mehrdeutigen Geschlechtsmerkmalen zeigt. 

Die mehrgeschlechtlichen Figuren können in vier verschiedene Gruppen aufgeteilt werden. Für die erste Gruppe sind Statuetten charakteristisch, welche teils nur schwer als menschlich zu identifizieren sind, jedoch dennoch Anzeichen für einen anthropomorphen Charakter haben, welcher von einem phallischen Aussehen der Figur begleitet wird. Die Figuren haben damit zwar keinen eindeutig mehrgeschlechtlichen Charakter, werden allerdings oft im Zusammenhang mit Themen wie Geschlechtlichkeit und Mehrdeutigkeit behandelt und daher als eine Nebengruppe der mehrgeschlechtlichen Darstellungen gesehen. Die zweite Gruppe besteht aus zwei Figuren, deren Geschlechtsmerkmale vor allem bezüglich des Schambereichs nicht eindeutig einer Geschlechterkategorie zugeordnet werden können und somit zu den mehrgeschlechtlichen Figuren zählen. Die dritte Gruppe umfasst weiblich identifizierte Statuetten, deren Form, vor allem die des Oberkörpers, ein stark phallisches Aussehen besitzen. Die vierte Gruppe beinhaltet Objekte aus zwei Fundstellen, welche anhand der allgemeinen Form sowohl als weibliche wie auch als männliche Geschlechtsmerkmale interpretiert werden können. Alle Figuren stammen bis auf eine Figur der ersten Gruppe entweder aus dem Gravettien (ca. 28.000 bis 22.000 vor heute) oder dem Magdalénien (ca. 18.000-12.000 vor heute) und somit aus dem jüngeren Abschnitt der Altsteinzeit. Eine gute Übersicht über die unterschiedlichen Epochen findet sich unter https://www.praehistorische-archaeologie.de/wissen/die-steinzeit/. Die Fundstellen der Statuetten verteilen sich vom südwestlichen Frankreich bis in die nordöstliche Ukraine. Aufgrund der enormen zeitlichen und geographischen Verteilung und der Einzigartigkeit der besprochenen Objekte werden keine weiteren Zusammenhänge und Verbindungen zwischen den Figuren gesucht. Allein die jeweiligen Darstellungsarten lassen es zu, die Statuetten in Gruppen einzuteilen.

1: Phallusdarstellung aus dem Abri Blanchard, Aurignacien (nach Cook 2003/2004 in Conard und Kieselbach 2006, Abb. 10); 2: Anthropomorphe Figur aus dem Vogelherd (https://www.urmu.de/de/Forschung-Archaeologie/Eiszeitkunst/Vogelherd/Antropomorphe-Darstellung [30.06.20]); 3: „La Figurine à la ceinture“ aus Brassempouy (https://musee-archeologienationale.fr/phototheque/oeuvres/figurine-dite-figurine-a-la-ceinture_ivoire_sculpture-technique [30.06.20]); 4:       L’Hermaphrodite aus den Balzi Rossi Höhlen (nach Angulo Cuesta und García Díez 2007, Fig. 14); 5:     Die Figur von Milandes (nach White 2002, Fig. 5); 6: Die Figur von Trasimeno (nach http://araceligimenez.blogspot.com.au/p/conservacio-i-restauracio- arqueologica.html); 7:       Die Figur von Tursac (https://musee-archeologienationale.fr/phototheque/oeuvres/statuette-feminine-dite-la-venus-de-tursac_calcite [30.06.20]); 8: Die Figur von Savignano (nach Mussi 2005, Fig. 5). 9: Die Figur von Mauern (https://blog.amh.de/ein-zwittriges-wesen-die-rote-von-mauern/ [30.06.20]).

Die erste Gruppe beinhaltet Objekte, die sowohl einen anthropomorphen wie auch einen phallischen Charakter aufweisen. Oft können die Figuren daher sowohl als Darstellung einer Person, deren Geschlecht nicht zweifelsfrei zu identifizieren ist, als auch als Phallus interpretiert werden. Beispiele sind die Anthropomorphe Figur aus dem Vogelherd. Somit besitzen die Statuetten zwar keinen eindeutig mehrgeschlechtlichen Charakter, sollten allerdings bei der Untersuchung von Themen wie Geschlechtlichkeit und Mehrdeutigkeit zumindest als Nebengruppe der offensichtlicheren mehrgeschlechtlichen Darstellungen erwähnt werden. Auch aufgrund der Tatsache, dass sie oft allein aus dem Grund als weiblich angesprochen werden, da angenommen wird, dass die meisten Statuetten des Jungpaläolithikums weiblich sind und somit nur im Umkehrschluss auch auf eine Weiblichkeit dieser Statuetten geschlossen wird.

Die zweite Gruppe von mehrgeschlechtlichen Darstellungen sind die Figuren mit weiblichen und/oder männlichen Geschlechtsmerkmalen. Beispiele für diese Gruppe ist der “Hermaphrodit” aus den Balzi Rossi oder auch Grimaldi Höhlen in Italien. Es gibt zahlreiche Diskussionen darüber, wie der Genitalbereich zu interpretieren ist, beispielsweise, ob es sich um einen Penis mit Hoden oder um eine Geburtsszene handelt, da die Figur zusätzlich Brüste besitzt. Eine eindeutige Zuordnung ist bei dieser Figur nicht möglich. Ob es sich bei L’Hermaphrodite letztendlich um eine intersexuelle Person mit sowohl weiblich anmutenden Brüsten als auch einem Penis und Hoden handelt oder ob eine der zahlreichen anderen Interpretationen zutrifft, bleibt weiterhin hypothetisch. Die zweite Figur dieser Gruppe ist „La figurine à la ceinture“ aus Brassempouy in Frankreich. Auch diese Figur lässt es schwer zu, eine Aussage über ihr (biologisches) Geschlecht zu machen. Es handelt sich bei beiden um geschlechtlich mehrdeutige Figuren, welche nicht in eine der binären Kategorien eingeteilt werden können und sollten, um eine fälschliche Einteilung und somit eine Missinterpretation der Figuren zu vermeiden.

Die dritte und mit 16 Darstellungen aus 8 Fundstellen die größte Gruppe ist die der weiblichen Figuren mit phallischem Oberkörper. Die allgemeine Form der Statuetten lässt auf weibliche Darstellungen schließen, deren Kopf oder Oberkörper zusätzlich eine stark phallische Form aufweisen. Beispiele hierfür sinde die Figur von Milandes (Frankreich), die Figur von Mauern (Bayern), die Figur von Tursac (Frankreich), die Figur von Savignano (Italien), die Figur von Trasimeno (Italien) und die berühmten Figuren aus Mezin in der Ukraine. 

Die vierte Gruppe beinhaltet die Darstellungen von weiblichen und/oder männlichen Geschlechtsmerkmalen. Diese Figuren und Objekte werden gleichzeitig beschrieben als Darstellungen biologisch weiblicher und/oder biologisch männlicher Darstellungen. Wichtige Objekte dieser Gruppe stammen aus der Fundstelle Dolní Vĕstonice I aus Tschechien. Die Darstellungen zeigen durch ihre mehrdeutige Form, wie schnell männliche und weibliche Darstellungen verschmelzen können und wie fließend der Übergang ist, auch wenn eine gewisse Tendenz besteht, die Darstellungen in eine der Kategorien männlich oder weiblich einzuordnen. Dieser Drang, Statuetten explizit in eine der heutig definierten Kategorien von Mann und Frau einzuordnen, hat zur Folge, dass man die eigentliche Aussage oder das eigentlich Abgebildete eventuell verpasst. Man läuft Gefahr, das eigentliche Ziel bei der Betrachtung und Interpretation dieser Statuetten, nämlich möglichst wissenschaftlich und korrekt zu identifizieren und interpretieren, aus den Augen zu verlieren. Denn wie bereits behandelt wurde, sind die Kategorien Mann* und Frau* nicht transkulturell übertragbar. Man würde die Künstler*innen dieser Objekte wohl unterschätzen, wenn man annimmt sie könnten diese geschlechtliche Mehrdeutigkeit nicht bemerkt, geschweige denn nicht gezielt erschaffen haben. Zwei weitere Objekte dieser Gruppe stammen aus der Grotte du Placard in Frankreich. Beide Objekte lassen wenig Zweifel über ihr Thema zu und zeigen eine große Ähnlichkeit in der allgemeinen Form. Die Auseinandersetzung mit Geschlechtsmerkmalen ist bei beiden Objekten unschwer zu erkennen. Auch wenn es so scheint, wie wenn männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale auf zwei unterschiedlichen Figuren getrennt dargestellt wurden, bleibt die Hypothese, dass es sich vor allem bei dem zweiten Stück um die Darstellung einer Vulva und einer phallischen Form und demnach um eine mehrgeschlechtliche Darstellung handelt, interessant.

1: Phallische Elfenbeindarstellung aus Mezin (nach Iakovleva 2009, Fig. 21/22); 2: Schematische weibliche Elfenbeindarstellungen aus Mezin (nach Iakovleva 2009, Fig. 25); 3: Die „Venus XIV“ aus Dolní Vĕstonice I (nach Lázničková-Galetová 2019, Fig. 14); 4: Vier von acht Anhängern aus Dolní Vĕstonice I (nach Lázničková-Galetová 2019, Fig. 1); 5:      Zwei Objekte aus Rentiergeweih aus der Grotte du Placard: Phallisches Objekt (A) und Objekt mit eingravierter Vulva von vorne (B) und von der Seite (C) (nach de Mortille 1906, Fi. 1/2/3).

Wir sehen bei all diesen Darstellungen wie unterschiedlich Geschlechtsmerkmale dargestellt werden können und wie sehr Geschlechtsmerkmale verschwimmen können, wenn man die dahinter liegenden gesellschaftlichen Deutungsmuster nicht kennt. 

Interpretationen mehrgeschlechtlicher Figuren in der Literatur  

In der Vergangenheit wurden mehrgeschlechtliche Darstellungen auf die verschiedensten Weisen gedeutet. Oft wurde hartnäckig versucht sie in eine der Geschlechterkategorien von männlich oder weiblich einzuteilen, hierbei entstanden diverse Diskussionen unter Wissenschaftlern. Dabei wurde, wenig verwunderlich, der mehrgeschlechtliche Charakter und die Mehrdeutigkeit der Figuren vernachlässigt. Das Einteilen von Darstellungen in die vorherrschenden Geschlechtskategorien von männlich und weiblich kann allerdings nicht nur bei menschlichen Darstellungen beobachtet werden. A. Leroi-Gourhan teilte sogar abstrakte Symbole und Tierdarstellungen in weibliche und männliche Kategorien ein und interpretierte sie entsprechend den Eigenschaften, die Männern und Frauen von der zeitgenössischen Gesellschaft zugeschrieben wurden.

Dies hat Spuren in der Archäologie hinterlassen, sodass sich bei vielen der mehrgeschlechtliche Darstellungen darauf konzentriert wurde, welche äußerlichen Geschlechtsmerkmale vorrangig sind, nur um sie ausschließlich in eine der Kategorien einteilen zu können. Der Archäologe J. Svoboda ist der Ansicht, dass mehrdeutige Objekte in der russischen, beziehungsweise osteuropäischen Betrachtungsweise von Figurinen im Gegensatz zum westlichen strukturalistischen Ansatz von A. Leroi-Gourhan, akzeptierter sind. Dennoch gibt es ungefähr zeitlich zu Leroi-Gourhan auch im westlichen Europa Archäologen, welche sich mit mehrgeschlechtlichen Figuren beschäftigen und sich für eine mehrdeutige Interpretation aussprechen. Als Begriff verwenden sie hierbei „androgyn“, wobei Feustel sie als „mann-weibliche Objekte“ (Feustel 1971, 37) definiert. Sowohl L. Zotz, wie auch R. Feustel haben interessante, allerdings auch sehr gewagte Interpretationen von Mehrgeschlechtlichkeit (nach ihnen „Androgynie“).  Für R. Feustel stellen die Figuren die sexuelle und triebgesteuerte Anziehung zwischen Frau und Mann dar: „Die zwischen beiden bestehende Spannung und die Entspannung (Wohlgefühl, Befriedigung) nach Aufhebung der Polarität durch die geschlechtliche Vereinigung sind ein so gravierender Faktor im animalischen Leben, daß es nicht verwundert, wenn sich dieser auch im Bewußtsein des Menschen kräftig widerspiegelt und die Einheit, die Harmonie als Glück empfunden, dementsprechend die Allnatur, die vollkommene Gottheit usw. als androgyn aufgefaßt werden” (Feustel 1971, 37). Für ihn verkörpern sogenannte „Zweigeschlechterwesen […] den immerwährenden Zeugungsakt“ (Feustel 1971, 37). Für L. Zotz hingegen ist die Kombination von Phallus und einer weiblichen Figur attraktiv für die Menschen des Paläolithikums. Für ihn sind sie „androgynen“ Darstellungen die Manifestierung eines diluvialen, also eiszeitlichen, androgynen Kultes, welcher der Ursprung aller oder zumindest eines Teils der nachfolgenden historischen und modernen androgynen Kulte ist. Diese Interpretation gehen zwar über einen objektiven Ansatz hinaus, stellen aber interessante Beispiele dar, wie versucht wird die mehrgeschlechtlichen Darstellungen aus dem Paläolithikum mit dem Verständnis von Geschlecht des 20. Jahrhunderts zu vereinen.

Bedeutung für die paläolithische Kunst

Bei der Untersuchung der Statuetten der vier Gruppen, lässt sich deutlich feststellen, dass eine eindeutige geschlechtliche Zuweisung häufig nicht so einfach ist, wie es in der Literatur den Anschein macht. Allen Figuren ist die Tatsache gemein, dass sie biologische Geschlechtsmerkmale aufweisen. Hierbei ist allerdings anzumerken, dass es vor allem ein Merkmal unserer heutigen westlichen Gesellschaft ist, Geschlecht an biologischen Merkmalen und Unterschieden zu definieren. Untersuchungen anderer Gesellschaften, sowie die Erkenntnisse der Geschlechterforschung zeigen, dass Geschlechtlichkeit nicht zwingend an biologischen Kriterien festgemacht werden kann, sondern durch viele verschiedene Faktoren definiert wird. Eine geschlechtliche Aufteilung wird zwar in den meisten Gesellschaften beobachtet, die Anzahl an Geschlechtern und deren Definitionen kann jedoch stark variieren. Daher sind die Aussagen, die wir anhand der als mehrgeschlechtlich behandelten Figuren treffen können, begrenzt. Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, wie Geschlecht in der großen Zeitspanne des Paläolithikums und den zahlreichen darin existierenden Gesellschaften definiert wurde, und wie es sich im Lauf der Zeit verändert hat. Wenn man die Aufteilung in Gender und Sex verwendet, ist bei Figurinen demnach nur das biologische Geschlecht sichtbar, nicht aber das soziale. Um Interpretationen und Aussagen über den Aufbau von und den Umgang mit Geschlecht innerhalb von Gesellschaften zu machen, braucht man allerdings zusätzlich Informationen über Gender und vor allem auch die Beziehung zwischen Sex und Gender.

Die Figur von Trasimeno in zwei verschiedenen Ansichten um 180° gedreht (nach http://araceligimenez.blogspot.com.au/p/conservacio-i-restauracio-arqueologica.html).

Obwohl es also schwierig ist, Aussagen anhand von menschlichen Darstellungen zu treffen, können trotzdem einige Beobachtungen gemacht werden. Die Tatsache, dass Geschlechtsmerkmale abgebildet wurden, zeigt, dass sie auf gewisse Weise eine Wichtigkeit hatten bzw. ein künstlerisches Mittel waren, das die Künstler*innen bewusst eingesetzt haben. Es fand also offensichtlich eine Auseinandersetzung mit den Geschlechtsmerkmalen und deren gesellschaftlicher Aussage statt. Vor allem bei Betrachtung einiger der in dieser Arbeit diskutierten Figuren scheint es, dass die verschiedenen Merkmale von dem*der Künstler*in bewusst eingesetzt wurden und intentional eine Mehrdeutigkeit bezüglich des Geschlechts geschaffen wurde. Was diese Mehrdeutigkeit aussagt und wie sie zu verstehen ist, kann nicht gesagt werden und Interpretationen darüber würden zu weit führen. Vor allem mit dem Hintergrundwissen aus der Geschlechterforschung und vor den Erkenntnissen zahlreicher ethnologischer Studien wird klar, dass das Thema Geschlecht sehr viel komplexer ist, als es in der Archäologie und vor allem der Urgeschichtsforschung bisher behandelt wurde.

Die als mehrgeschlechtlich diskutierten Darstellungen zeigen deutlich, wie kritisch und schwierig das Thema Geschlecht innerhalb der Forschung ist, und wie bedacht mit den eigenen Vorstellungen von Geschlecht und den daraus entstehenden Interpretationen umgegangen werden muss. Sehr viel mehr Interpretationen, vor allem bezüglich der rein weiblich identifizierten Darstellungen sowie andere Anhaltspunkte für Geschlecht insgesamt, müssen hinterfragt und untersucht werden, um ein besseres Verständnis von Geschlecht im Paläolithikum zu bekommen. Aufgrund der Komplexität und des Umfangs des Themas konnte nicht näher auf die Ergebnisse der Geschlechterforschung und der Genderarchäologie eingegangen werden. Dennoch wäre es der Forschung sicherlich zuträglich, wenn sich jede*r Archäolog*in mit diesen Themen auseinandersetzen würde, um ein umfassenderes Verständnis für vergangene Gesellschaften zu bekommen. Vor allem in der älteren Urgeschichtsforschung besteht noch großes Potential, die Ergebnisse der Genderarchäologie in die Forschung zu integrieren. Interessante Fragen für die Zukunft sind: Wurde in Menschen in altsteinzeitlichen Gesellschaften überhaupt nach Geschlecht eingeteilt? War es ein wichtiger Aspekt dieser Gesellschaften? Wenn ja, wie sah diese Aufteilung aus? Welche Geschlechtsidentitäten gab es und wie können wir entsprechendes archäologisches Material finden? Mit Spannung können weitere Arbeiten und Funde erwartet werden, welche unser Verständnis von Geschlecht in vergangenen Gesellschaften und vor allem paläolithischen Gesellschaften, ergänzen.

Literatur

  1. Feustel, R. (1970). Statuettes Féminines Paléolithiques de la République Démocratique Allemande. Bulletin de Ia Societe Prehistorique Française 67, 12–16.
  2. Feustel, Rudolf (1971). Sexologische Reflexion über Jungpaläolithische Objekte. Alt-Thüringen (11), 7–46.
  3. Hahn, Marieluise 2020. Die „Venus“ von Waldstetten und der Aspekt der Mehrgeschlechtlichkeit in der paläolithischen Kunst. Unpublizierte Bachelorarbeit. Universität Tübingen. Tübingen.
  4. Leroi-Gourhan, André/Vertut, Jean (1965). Préhistoire de l’art occidental. Paris, Mazenod.
  5. Zotz, Lothar F. (1951). Idoles Paléolithiques de l’Etre Androgyne. Bulletin de la Société préhistorique de France 48 (7), 333–340.
  6. Zotz, Lothar F. (1955). Das Paläolithikum in den Weinberghöhlen bei Mauern. Bonn, Röhrscheid.
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