„Ich wollte auch mal Archäolog*in werden – aber dann hab ich was richtiges gemacht.”
So oder so ähnlich heißt es häufig, wenn man mit Personen ins Gespräch kommt und offenlegt, dass man Archäologie studiert (hat). Soll heißen: Archäologie ist schön und gut, aber davon leben kann man eigentlich nicht. Es ist mehr ein Hobby als ein echter Beruf. Daraus wird auch an den Universitäten kein Geheimnis gemacht. Dort heißt es bei Einführungsveranstaltungen: „Nur jede*r Dritte von euch wird später in der Archäologie arbeiten”. Aber sollten sie auch Recht behalten?
In letzter Zeit scheint sich die Stimmung dahingehend geändert zu haben. Es heißt, dass die Jobaussichten im Moment besser seien, denn je – und das trotz Nachwirkungen von Corona, Haushaltssperre und Rezession. Dazu kommt der „Generationenwechsel“. Laut DGUF (Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte) kommen im Jahr 2023 auf ein*e Absolvent*in zwei offene Stellen (Siegmund 2024, 266). Demnach können Archäolog*innen sich die Jobs quasi aussuchen. Die Rede ist von “Fachkräftemangel” und von „deutliche[n] Lohnverbesserungen im Jahr 2023 und Wachstumspläne[n] für 2024“ (Siegmund 2024, 261). Aktuelle Ergebnisse vom September 2025 scheinen den Trend zu bestätigen, denn da heißt es: “Rundum Wachstum: Umsatz, Personalstärke, Gehälter” (Siegmund 2025b). Aber stimmt das?
Die Zahlen, die die DGUF nennt, beziehen sich vor allem auf Stellen in der Privatwirtschaft – also bei Grabungsfirmen. Jonathan Schmidt und Johannes Reller beschäftigen sich bereits im Jahr 2023 mit den Zahlen der DGUF und ordnen sie kritisch ein (Reller/Schmidt 2023). Denn wie sie ganz richtig anmerken, werden in der Privatwirtschaft viele Stellen auch fachfremd besetzt. Das heißt in der Privatwirtschaft stehen für Absolvent*innen meist nur Stellen als Grabungstechniker*in oder höher zur Verfügung (Reller/Schmidt 2023, 182). Einige Stellen in der Privatwirtschaft fallen also durch “Überqualifikation” oder fachfremde Besetzung schon mal weg. So kommen Reller und Schmidt nach Überprüfung der Zahlen eher auf 0,9 bis 1,3 Stellen innerhalb der Archäologie, die für Absolvent*innen zur Verfügung stehen, Stand 2023. Also ein Job für Jede*n. Dazu kommen noch etwa 5% Selbständige (Reller/Schmidt 2023, 185). Die Zahlen der DGUF können sie zwar relativieren, aber im Großen und Ganzen kommen Schmidt und Reller auch zu dem Ergebnis, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Archäolog*innen stehen im Moment gut (Reller/Schmidt 2023, 185).
Für uns ist dieses Thema sehr aktuell, denn einige von uns stehen gerade am Ende ihres Studiums oder haben bereits abgeschlossen. Daher kennen wir die Jobsuche aus erster Hand. Die angeblich so zahlreichen offenen Stellen und die allgemein rosigen Jobaussichten sind allerdings nicht wirklich bis zu uns durchgedrungen. Außerdem haben wir euch gefragt, wie ihr die Jobaussichten und Arbeitsbedingungen in der Archäologie seht.
Sind wir zu anspruchsvoll?
Nein. Es stimmt, dass es seit Einführung der Grabungsfirmen und der Auslagerung der Archäologie in die Privatwirtschaft eigentlich immer freie Stellen in der Firmenarchäologie gibt (zumindest saisonal). Was aber kaum Thema ist: (1.) Nicht alle Archäolog*innen können und wollen bei Grabungsfirmen arbeiten und (2.) die prekären Arbeitsbedingungen in ALLEN Berufsfeldern der Archäologie.
Einen Grund für die schlechten Arbeitsbedingungen beschreiben Doris Gutsmiedl-Schümann, Raimund Karl, Thomas Meier, Christiane Ochs, Sophie-Marie Rotermund und Stefan Schreiber in ihrem Text Prekariat und Selbstausbeutung zwischen einer Kultur des Jammerns und Self-Empowerment (Gutsmiedl-Schümann et. al 2021). Wie der Titel schon sagt, geht es um die Praxis der Selbstausbeutung, welche bereits an den Universitäten gelehrt wird und dann nahtlos mit ins Berufsleben übernommen wird. Wir alle kennen das. Studierende schreiben ausufernde Abschlussarbeiten, deren Umfang weit über den vorgegebenen Rahmen einer Bachelorarbeit oder Masterarbeit hinausgehen oder arbeiten schlicht unentgeltlich für Forschungsprojekte – augenscheinlich alles freiwillig.
Dahinter steckt allerdings keine rein “intrinsische Motivation”, sondern prekäre Arbeitsbedingungen, welche einen dazu verführen, sich selbst komplett auszubeuten, um so die eigenen Chancen zu steigern (Gutsmiedl-Schümann et. al 2021, 105-106). Dabei bleiben nicht nur die Personen auf der Strecke, die sich bis zur Selbstaufgabe in die archäologische Karriere stürzen, sondern vor allem die Personen, die von vornherein nicht die Chance haben den extra Schritt zu machen – entweder weil sie auf Lohnarbeit während des Studiums angewiesen sind und daher gar nicht unentgeltlich arbeiten können. Oder aber auch Personen, die Care-Arbeit leisten wollen oder müssen. An die Wissenschafts-Spitze schaffen es in der Regel also sowieso nur die, die schon von oben kommen.
Privatwirtschaft als Alternative?
Offizielle Zahlen belegen, dass es in der Privatwirtschaft durchaus freie Stellen gibt, das können wir aus eigener Erfahrung bestätigen. Der “Fachkräftemangel” bei Grabungsfirmen scheint also real zu sein. So finden wenige Firmen qualifizierte Mitarbeiter*innen, die tatsächlich auch ins Feld wollen – besonders Techniker*innen und Grabungsleitungen sind oft gefragt. Aber warum ist die Feldarbeit so unbeliebt, wir sind ja schließlich Archäolog*innen?
Ein Grund ist die fehlende Ausbildung, denn die Universitäten lehren nicht explizit praktische Feldarbeit. Einige Archäologie-Studiengänge kann man beispielsweise studieren, ohne ein einziges Mal auf einer Ausgrabung gewesen zu sein. Gleichzeitig wird Grabungserfahrung von Dozierenden und Arbeitgebenden vorausgesetzt. Wer also praktische Erfahrung sammeln will, muss sich in der Regel selbst um Grabungsprojekte bemühen und die Semesterferien dafür aufbringen. Zugleich werden von Seiten der Universitäten viel zu wenige Lehr- und Forschungsgrabungen angeboten und vor allem bei Auslandsgrabungen ist die Anzahl an Teilnehmenden beschränkt. Das fördert die Konkurrenzsituation zwischen Studierenden noch weiter. Hier zeigt sich dann die in der Archäologie und weit verbreitete “Vetternwirtschaft” und das Abhängigkeitsverhältnis von Studierenden zu Dozierenden. Denn nur wer sich mit der Grabungsleitung, den Dozierenden und Professor*innen gut stellt, hat eine Chance, bei Forschungsprojekten mitzuwirken. Aber selbst dann ist nicht gewährleistet, gut ausgebildet zu werden und nicht nur als un- oder unterbezahlte Arbeitskraft ausgenutzt zu werden. Mit etwas Glück bekommt man 200 € für sechs Wochen Vollzeitarbeit und darüber kann man sich noch freuen, denn in vielen anderen Fällen wird man überhaupt nicht bezahlt.
Die fehlende praktische Ausbildung an Universitäten ist zwar ein Problem, aber nicht verwunderlich. Universitäten sind eben keine Fachhoch- oder Berufsschulen. Sie sind nicht darauf ausgelegt Studierende auf den Beruf “Feldarchäolog*in” vorzubereiten. Es gibt also nur sehr wenige Absolvent*innen, die nach dem Studium wirklich für den Beruf der Grabungstechniker*in oder Leitung geeignet sind.
Ein zweiter Punkt sind die meist schlechten Arbeitsbedingungen in der Privatwirtschaft. Diese führen dazu, dass die wenigen qualifizierten Absolvent*innen andere Berufsfelder innerhalb, aber häufig auch außerhalb der Archäologie suchen. Denn Feldarbeit lässt sich oft nur schwer mit einem Leben abseits der Archäologie verbinden. Man schläft selten zuhause, denn die meisten Firmen müssen Aufträge annehmen, die weit außerhalb des Einzugsgebiets liegen. Ein Großteil der Arbeit findet also auf Montage statt. Das heißt, man verbringt die Tage auf der Fläche und die Abende und Nächte zusammen mit den Kolleg*innen in mal besseren und mal schlechteren Unterkünften.
Natürlich hat die Firmenarchäologie auch schöne Seiten. Man kommt viel rum, lernt ständig neue Orte und Menschen kennen und die archäologische Arbeit kann spannend und abwechslungsreich sein. Die romantische Vorstellung, viel zu reisen, die Welt zu sehen und sich abends am Lagerfeuer über die erlebten Abenteuer auszutauschen, entspricht trotzdem nur selten der Realität. Stattdessen reist man bis ins Industriegebiet des benachbarten Bundeslandes und kann zwischen Baggern, Bauzäunen und Staub vielleicht noch die Aussicht auf eine idyllische Wiese am Ortsrand genießen, kurz bevor dort von irgendwelchen Investoren ein Neubaugebiet hingeklatscht wird. Auf lange Sicht kann diese Lebensweise also durchaus kräftezehrend sein.
Diese Umstände führen dazu, dass Feldarbeit vor allem für Personen mit kleinen Kindern fast nicht vereinbar ist. Und mit Personen mit kleinen Kindern sind leider immer noch vor allem Frauen gemeint, die auch heute noch den Großteil der Care Arbeit übernehmen. Alles stehen und liegen zu lassen und die ganze Woche auf Montage zu fahren, ist in klassischen Beziehungs-Modellen auch heute noch für viele Frauen undenkbar. Von Alleinerziehenden ganz zu schweigen. Wer Kinder und Familie will, muss sich also zweimal überlegen, ob die Feldarbeit auf lange Sicht in Frage kommt – vor allem wenn beide Elternteile in der Archäologie arbeiten wollen (was sehr oft vorkommt, sind wir mal ehrlich).
Let’s talk about money?
Wer sich trotz allem für einen Beruf bei einer Grabungsfirma entscheidet, wird aber weiter enttäuscht werden, denn der Arbeitsaufwand wird selten angemessen entlohnt. Gehaltsangebote knapp über dem Mindestlohn sind für den Einstieg die Regel (trotz Universitätsabschluss!). So wurde einer Person mit Master-Abschluss und Erfahrung 2300 € Brutto (ca. 1650 € Netto), als Einstieg in eine Vollzeitstelle geboten. Eine andere Person berichtet von einem Gehalt um die 2900 € Brutto (ca. 1900 € Netto), als Grabungstechniker*in, ebenfalls mit einem Masterabschluss und langjähriger Grabungserfahrung. Beide Gehälter gelten für Südwestdeutschland.
Dabei gibt es klare Richtlinien, an denen sich Grabungsfirmen orientieren können – die auch die DGUF nennt. Sie beziehen sich auf Gehaltsvorschläge bzw. Honorarvorschläge von CIfA und BfK und vergleichen sie mit den Reallöhnen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass sich die Daten der DGUF auf die Auswertung von Fragebögen beziehen, die allen Grabungsfirmen in Deutschland zugesendet wurden. Darauf hat aber nur eine Minderheit geantwortet. Zahlen aus dem Jahr 2023 beziehen sich beispielsweise nur auf 24 % der Grabungsfirmen, also gerade mal ein Viertel. Für das Jahr 2025 sind es gerade mal 21 %. Die Zahlen sind also kaum repräsentativ. Auch nehmen vor allem Firmen aus Bayern an den Umfragen teil. Im Jahr 2025 sind es beispielsweise 14 bayerische Firmen und nur 9 aus allen anderen Bundesländern zusammen (Siegmund 2025b, 1). Daher muss auch die Angabe zu den Reallöhnen mit Vorsicht betrachtet werden.
Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die von einigen Firmen angegebenen Reallöhnen mit Richtlinien und Untergrenzen von CIfA und BfK. CIfA ist der Berufsverband für Archäologie, der sich auf die Fahne geschrieben hat berufliche Standards zu setzen und dabei Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen zu vertreten (https://www.cifa-deutschland.de/) und BfK steht für den Bundesverband freiberuflicher Kulturwissenschaftler mit dem “Geschäftsbereich Archäologie”, der sich ebenfalls für Qualitätsstandards in der Archäologie stark macht (https://www.b-f-k.de/service/info-arch.php). BfK macht eigentlich Honorarvorschläge für Freiberufler*innen, wir beziehen uns aber auf die ungefähren Bruttomonatslöhne, die in Siegmund 2024 berechnet wurden. Dazu ist aber zu sagen, dass diese stark variieren können, da in den Honoraren sämtliche Kosten drinstecken, die oft unterschiedlich ausfallen.
Ein Beispiel: CIfA sagt, für 2023 sollte die Lohnuntergrenze für Grabungstechniker*innen bei ca. 2.870 € brutto liegen. Das BfK empfiehlt Honorare die auf ein Brutto zwischen 3.555-5.200 € rauslaufen. Die tatsächlich gezahlten Gehälter liegen 2023 im Mittelwert nur bei 3.095 € brutto (Siegmund 2024, 263-265). Bezieht man die 50 % Spanne (zwischen 2.700 und 3.480 €) mit ein, wird deutlich, dass ein Teil der gezahlten Löhne noch unter der CIfA-Lohnuntergrenze liegt. Ausnahmslos alle Löhne liegen unter den BfK-Empfehlungen, wobei freiberufliche Tätigkeiten ein weitaus höheres Risiko mit sich bringen als ein Angestelltenverhältnis.
Zum Vergleich: Beim Land Baden-Württemberg verdienen Grabungstechniker*innen ohne Berufserfahrung (nach E9 TV-L, 2025) 3.520,10 € brutto (ca. 2250 € netto). Das entspricht etwa den BfK-Empfehlungen. Liegt aber ca. 700 € über der CIfA-Lohnuntergrenze und 500 € über dem tatsächlichen Mittleren Gehalt von Grabungstechniker*innen in der Privatwirtschaft.
Bei Grabungsleiter*innen gehen die Gehaltsvorstellungen und die Reallöhne noch weiter auseinander. Die CIfA unterscheidet nicht wirklich zwischen Grabungstechniker*innen und Grabungsleitung und bleibt daher bei einer Lohnuntergrenze von 2.870 €. Während BfK zwischen 4.890-6.935 € ansetzt. Die tatsächlich gezahlten Gehälter liegen im Mittelwert bei ca. 3.625 Euro (Siegmund 2024, 263-265). Die real gezahlten Löhne liegen teilweise also nur knapp über der absoluten Untergrenze und erreichen im Schnitt nicht ansatzweise die Lohnempfehlungen für Archäolog*innen.
Überraschend ist dabei nur, dass sich doch einige Firmen bei CIfA und BfK registriert haben und sich damit eigentlich verpflichtet haben, sich an die Gehaltsvorschriften zu halten. Auch in Stellenausschreibungen wird oft damit geworben. Aber nicht überall wo CIfA oder BfK draufsteht, stecken auch faire Löhne drin. Dabei sind vor allem die CIfA-Lohnuntergrenzen so niedrig angesetzt, dass es eigentlich schwieriger sein müsste, diese zu unterbieten, als sie einzuhalten. Auch Frank Siegmund spricht von einer „Professionalisierung der Branche” und lobt in diesem Kontext auch die “selbst erarbeiteten Qualitätssicherungen“ bei der CIfA (Siegmund 2025c, 14). An den Lohnregelungen und deren Einhaltung sieht man jedoch, dass die gemeinsame Interessenvertretung von Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen eigentlich ein Paradox ist.
Trotz alledem gibt es Stimmen, die der Meinung sind “die derzeit noch hohe Attraktivität der Planstellen im öffentlichen Dienst” würden sich “zu Gunsten der Privatwirtschaft verlagern” (Siegmund 2025c, 14). Begründet wird diese Aussage mit dem Gehaltsniveau, das bei den Landesdenkmalämtern im Moment zwar noch höher ist als in der Privatwirtschaft, aber laut DGUF steigt das Lohnniveau in der Firmenarchäologie stärker als im öffentlichen Dienst. Schuld sei die Tarifbindung, durch die der öffentliche Dienst nicht in der Lage sei, flexibel auf die Lohnerhöhungen in der Privatwirtschaft zu reagieren. Die Löhne im öffentlichen Dienst sind tatsächlich unflexibel und generell sind wir Archäolog*innen im Schnitt zu tief eingestuft (z.B. haben Grabungstechniker*innen offiziell keine wirkliche Personalverantwortung und werden auch so bezahlt – in der Realität sieht das aber oft anders aus). Fakt ist allerdings, dass im öffentlichen Dienst immer noch weitaus bessere Löhne, mehr Urlaubstage, eine höhere Jobsicherheit und geregelte und vergleichsweise familienfreundliche Arbeitszeiten die Regel sind. Und in diesem Moment laufen Tarifverhandlungen, um dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt oder sich die Bedingungen sogar noch verbessern. Denn die Macht von Gewerkschaften und die lange erkämpften Arbeitsrechte, die in den Tarifverträgen festgehalten sind und immer wieder ausgehandelt werden, darf man auf keinen Fall unterschätzen!
Natürlich wäre es wünschenswert, Arbeitsbedingungen und Löhne in der Privatwirtschaft würden über die des öffentlichen Dienst steigen – aber so richtig sehen wir das nicht. Denn “Fachkräftemangel” führt in erster Linie zu verminderter Qualität und Einbußen in der Arbeitssicherheit und nur selten zu besseren Arbeitsbedingungen. Deutlich wird das auch in anderen Bereichen, wie z.B der Pflege, die noch um einiges systemrelevanter ist, als die Archäologie. Und auch im Bereich von Erzieher*innen wird deutlich: Der Fachkräftemangel hat nicht zu höheren Löhnen geführt, sondern flächendeckende Streiks und Tarifverhandlungen. Der Fachkräftemangel kann jedoch eines unserer Druckmittel sein, das dürfen wir nicht vergessen.
“Würden Archäologinnen und Archäologen standortübergreifend aussagekräftige und realistische Stellen- bzw. Tätigkeitsbeschreibungen, geregelte Arbeitszeiten sowie gerechten Lohn bzw. adäquate Bezahlung und vorhersagbare Karrierewege für ihre Zukunft verlangen, würde das System Wissenschaft, aber auch große Teile des Grabungswesens (nicht nur in Deutschland) kollabieren – oder es würden sich geregelte Arbeitsverhältnisse einstellen”. (Gutsmiedl-Schümann et. al 2021, 105-106)
Es sind nicht alle so…
Natürlich muss an dieser Stelle auch festgehalten werden, dass man durchaus (vor allem bei entsprechender Erfahrung) auch von der Arbeit bei Grabungsfirmen leben kann. Und auch dass die Bedingungen je nach Firma unterschiedlich sind. Neben den Gehältern variieren vor allem auch die Arbeitsbedingungen stark. Oft auch verbunden mit Aspekten der Arbeitssicherheit oder der wissenschaftlichen Arbeit. Daher ist es umso wichtiger, diese Themen offen anzugehen und darüber zu sprechen. Wie viel verdienst du? Ist die Fahrzeit zur Grabung auch Arbeitszeit? Habt ihr Firmenwagen oder fährst du privat? Bekommst du Kilometergeld? Was ist die Tagespauschale für Übernachtungen? Wie sind die Unterkünfte? Hast du ein Einzelzimmer? Bekommst du Arbeitskleidung gestellt? Wie ist die Stimmung im Team? Wie viele Urlaubstage hast du? Sind die Grabungskampagnen zu kurz angesetzt? Wird die Arbeit sorgfältig und wissenschaftlich korrekt ausgeführt?
Dabei wird schnell deutlich, dass es auch faire Firmen gibt, die tatsächlich versuchen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und ihre Angestellten fair zu bezahlen – soweit das in der Privatwirtschaft eben möglich ist, von fairen Arbeitsbedingungen zu sprechen. Die DGUF spricht von “betrieblicher Gesundheitsförderung, betrieblicher Altersversorgung, Firmenwagen, Diensthandy” außerdem werden wohl “Themen wie Nachhaltigkeit, Arbeitssicherheit und gesunde Arbeitsplätze ernsthafter verfolgt denn ehedem” (Siegmund 2025c, 14). Zur Erinnerung, das sind eigene Aussagen von Unternehmen.
In der Praxis ist das allerdings durchmischt. Auch das Argument, dass Tätigkeitsfelder in Firmen differenziert werden (das heißt eine strikte Aufgabenteilung z.B. zwischen Fundbearbeitung, digitaler Nachbearbeitung und Feldarbeit), kommt den Angestellten nicht unbedingt zugute. So profitieren zum Beispiel Personen in der Fundbearbeitung von sehr flexiblen Arbeitszeiten, welche sich auch mit Familie gut vereinbaren lassen. Oder Personen, die für die technische Nacharbeit angestellt werden und den Großteil ihrer Arbeit sogar von zuhause aus erledigen könnten. Das führt allerdings dazu, dass es auf der anderen Seite Personen gibt, die das ganze Jahr über im Feld sein müssen und überhaupt keine „Erholungsphasen“ bei der Fundbearbeitung oder der technischen Nacharbeit bekommen. Die Tatsache, dass Innendienst und Außendienst strikt getrennt werden, sorgt zwar dafür, dass einige Personen in der Archäologie bleiben können, die nicht im Feld arbeiten können oder wollen (was gut und wichtig ist) – allerdings werden so die Arbeitsbedingungen für den Außendienst weiter verschärft. Dabei wäre es eigentlich wichtig, die Feldarbeit attraktiver zu gestalten, zum Beispiel durch Abwechslung zwischen Feldarbeit und Büroarbeit, dadurch wäre nicht nur die Feldarbeit, sondern auch Bürotätigkeiten nachhaltiger. Es ist auch wichtig festzuhalten, dass Firmen Tätigkeitsfelder nicht aus Nächstenliebe differenzieren, sondern um profitabler zu arbeiten.
Trotzdem bleibt das Problem, dass sich die Archäologie im Kontext von Bauprojekten oft unter Wert verkauft oder unter Wert verkaufen muss – weil ein hoher Preisdruck herrscht und weil das Gefühl eine “Steuerverschwendung” zu sein schon viel zu tief in unsere DNA eingegangen ist. So wird es für Firmen, die mehr zahlen wollen, schwer das auch umzusetzen, denn in der Regel wird das günstigste Angebot genommen und gespart werden kann nur an den Mitarbeitenden, wenn man keinen Profit einbüßen will. Ein nachhaltig höherer Lohn in der privatwirtschaftlichen Archäologie lässt sich daher nur firmenübergreifend und gewerkschaftlich erkämpfen. Es braucht klare und transparente Regeln diesbezüglich, oder etwa einen Tarifvertrag. Angestellte bei den Landesdenkmalbehörden sind meist gewerkschaftlich organisiert und profitieren schon lange von Tarifverträgen, was sich deutlich im Gehalt, aber auch in den Arbeitsbedingungen zeigt. Lohnuntergrenzen als Empfehlung und selbstgesteckte Richtlinien, an die sich niemand hält, reichen bei weitem nicht!
Den Preis zahlt die Sicherheit
Wenn gespart werden muss, dann in der Regel auch bei der Arbeitssicherheit. Die Regelungen werden immer detaillierter und bürokratischer und sind daher oft kostspielig in der Umsetzung. Das beginnt bei sicheren Absperrungen, geht über adäquate Pausenräume und endet bei passender Arbeitskleidung. Während man auf Kleinigkeiten (wie beheizbare mobile Toiletten) in Einzelfällen auch mal verzichten kann, gibt es aber auch Arbeits- und Sicherheitsvorschriften, die nicht verhandelbar sind.
Wenn Arbeitskleidung eigentlich gestellt werden muss, wie kann es sein, dass man Monate lang ohne Arbeitsjacke auf der Fläche steht und das im Herbst oder Winter? Wie kann es sein, dass wir im Sommer auf staubigen Flächen stehen, während nur wenige Meter hinter uns der Bagger das Fundament aufreißt? Wie kann es sein, dass wir in Meter tiefen Baugruben stehen und viel zu hohe Profile anlegen müssen? Wie kann es sein, dass wir unser Leben riskieren und manche ihr Leben verlieren, nur um irgendwelche archäologischen Strukturen zu dokumentieren?
„Theoretisch sollten wir eine Gefahrenzulage bekommen.“
Die Archäologie und der Erkenntnisgewinn wird über die Sicherheit der Arbeiter*innen gestellt. Diese Praxis wird in den universitären Forschungsgrabungen gelehrt und dann (z.T. aus Unwissenheit, z.T aber auch aus Gleichgültigkeit) in der Privatwirtschaft fortgeführt. Denn obwohl Sicherheitsschulungen eigentlich verpflichtend sein sollten, wird sich oft nicht daran gehalten – vor allem an Universitäten. Arbeitssicherheit muss von Studierenden in der Regel in Eigeninitiative erarbeitet und zum Teil gegen direkte Weisungen von Vorgesetzten durchgesetzt werden.
Dann doch lieber Wissenschaft?
Während in der Privatwirtschaft im Moment wenigstens annähernd genug Stellen zur Verfügung stehen, sind wissenschaftliche Stellen in der Archäologie immer noch rar. Während andere Berufsgruppen die Möglichkeit haben, in der Privatwirtschaft oder aber auch an Universitäten oder Forschungseinrichtungen Doktorarbeiten bei vollem Gehalt zu schreiben, sieht es in der Archäologie eher schwierig aus. Doktorand*innenstellen an Universitäten sind selten und werden häufig schon auf bestimmte Personen zugeschnitten. Absolvent*innen, die von außen kommen haben in der Regel wenig Chancen. Da bleiben oft nur Stipendien, die, wenn man mal eines ergattert hat, nicht selten irgendwo etwas über 1000 Euro liegen, also irgendwo zwischen der deutschen Armutsgrenze und Ausbildungsgehältern im dritten Lehrjahr.
Dazu kommt, dass viele Arbeiten nicht in der vorgegebenen Zeit fertig werden. Häufig, weil erwartet wird, zusätzliche Tätigkeiten durchzuführen, die eigentlich nichts mit der eigenen Forschung zu tun haben und dadurch wertvolle Zeit verloren geht. Oder weil – wie bereits erwähnt – der Umfang der Arbeiten viel zu groß ist, um sie im Rahmen der laufenden Verträge oder Stipendien fertigzustellen. Wer kann, finanziert das Beenden der Doktorarbeit mit Arbeitslosengeld oder lässt sich vorübergehend nochmal von den Eltern oder durch Partner*innen finanzieren. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, hat wohl Pech gehabt. Tatsächlich steckt dahinter aber auch ein System, das dafür sorgen soll, dass von Karrierestufe zu Karrierestufe der Großteil der Personen aus der Wissenschaft ausscheiden soll. Nur wenige schaffen es bis an die Spitze und Stellen darunter sind fast nicht vorhanden.
Dazu kommt die allgemeine Unsicherheit durch die an Universitäten üblichen befristeten Verträge, die unter anderem durch das neue Wissenschaftszeitgesetz (https://anarchaeologie.de/2023/04/16/neoliberale-wissenschaftspolitik-bleibt-neoliberal-die-debatte-um-das-neue-wissenschaftszeitvertragsgesetz/) noch verstärkt werden. Finanzielle Unsicherheiten, Existenz- und Zukunftsängste und daraus resultierende psychische Probleme sind eher die Regel als die Ausnahme. Aber wie sollte es auch anders sein? Wir sind es aus dem Studium schließlich gewohnt, dass hilfswissenschaftliche Tätigkeiten teilweise auf wenige Monate oder sogar Wochen beschränkt sind, meist ohne zu wissen, ob Verträge verlängert oder erneuert werden. Diese finanzielle Unsicherheit sorgt dafür, dass Zukunftspläne oder auch Familienplanung immer vage und unsicher bleiben. Tatsächlich findet sich diese Praxis von befristeten Verträgen auch immer mehr in der Privatwirtschaft und in anderen Berufsfeldern. Durch irgendwelche Vorwände wird so systematisch seit Jahrzehnten geltendes Arbeitsrecht untergraben.
Zur Hälfte Arbeit und zur Hälfte Ausbildung?
Übliche Stellen zum Berufseinstieg für Archäolog*innen sind außerdem Volontariate. Diese werden besonders im Bereich Museum und Kultur, aber auch in den Landesdenkmalämtern ausgeschrieben. Wer in einer Landesbehörde Karriere machen oder aber im Museumsbereich arbeiten will, kommt da in der Regel nicht drumherum.
Denn vor allem die Arbeitsplätze in Museen sind rar. Volos sind häufig (zumindest inoffiziell) Voraussetzung für Stellen im Kulturbereich. Für Berufseinsteiger*innen gibt es in der Regel außer Volos nur die Möglichkeit auf kurzzeitig befristete Teilzeitstellen – von denen man kaum leben kann. Die Freiwilligkeit, die im Begriff “Volontariat” eigentlich drin steckt, ist also nicht wirklich gegeben.
In der Theorie soll ein Volo den Berufseinstieg erleichtern und eine Art Zusatzausbildung darstellen, in der für den zukünftigen Beruf notwendiges Wissen vermittelt wird. Dabei gibt es klar geregelte Stationen, die Volontäre*innen durchlaufen sollen und eine Art Lehrplan, der auch vermittelt werden soll. Dazu kommt in der Regel ein eigenes kleines Projekt. Allerdings wird der Ausbildungszweck in manchen Institutionen vernachlässigt. Volontär*innen werden dann nur schlecht ausgebildet oder mit ihren Projekten alleine gelassen. Das Problem – wenn der Aspekt der Ausbildung wegfällt, sind Volontariate nichts anderes als zwei Jahre Vollzeitarbeit für ein halbes Gehalt. Diese halbe Bezahlung wird auch bei Uni-Projekten häufig durch das Ausbildungsverhältnis argumentiert. Das ist in manchen Fällen auch gerechtfertigt, aber gerade erfahrene Studierende, die Verantwortung übernehmen, Fundbearbeitungen koordinieren oder Schnittleitung machen, werden ab einem gewissen Punkt nicht mehr nur nicht ausgebildet, sondern einfach nur ausgebeutet.
Dazu kommt das Problem mit der Haushaltssperre, von der vor allem Museen, aber auch die Landesdenkmalämter betroffen sind. Mehrere Bundesländer haben aktuell für mehrere Jahre Einstellungsstopps verhängt. Nicht besetzte Stellen oder Stellen von Personen, die in Rente gehen, werden halbiert oder komplett gestrichen. Von Generationenwechsel kann also nicht die Rede sein. Das Resultat ist Mehrarbeit für die Personen, die auf unbefristeten Stellen sitzen und weiterhin schlechte Jobaussichten für junge Absolvent*innen.
Fazit
Was ist nun unser Fazit zu dem ganzen Thema? Sollten wir davor warnen, Archäologie zu studieren und empfehlen lieber “was richtiges” zu lernen? Eigentlich nicht. Archäologie ist immer noch ein tolles Berufsfeld mit vielen Möglichkeiten und vor allem vielen tollen Menschen. Trotzdem würden wir nicht sagen, dass die Jobaussichten gut sind. Der Generationenwechsel findet nicht statt, es gibt also weniger freie Stellen als erwartet. Arbeit in der Privatwirtschaft ist zwar vorhanden, aber die Arbeitsbedingungen sind teilweise unzumutbar. Denn erfahrungsgemäß sind es Firmen mit den prekärsten Arbeitsbedingungen, die Personal suchen, während die Firmen mit gutem Ruf oft nicht mehr einstellen. Zur Folge hat das nicht nur, dass gut qualifizierte Personen die Arbeit nicht mehr machen wollen, sondern es hat auch immer Auswirkungen auf die Sicherheit und Qualität von archäologischer Feldarbeit. Deshalb wäre es umso wichtiger, nachhaltig bessere Arbeitsbedingungen in der Privatwirtschaft zu erkämpfen. Firmenübergreifend und gewerkschaftlich! Denn von alleine oder aus einem angeblichen “Fachkräftemangel” heraus wird sich nichts ändern. Außerdem müssen wir uns bewusst sein, wie prekär gerade die Arbeit in der Wissenschaft häufig ist und die Praxis der Selbstausbeutung das ganze Problem noch verstärkt. Dieses Phänomen ist nicht nur auf die Archäologie beschränkt. Wir sollten versuchen solidarisch zu sein und aufhören uns gegenseitig auszustechen. Denn durch diese Praxis verlieren alle.
An dieser Stelle noch ein Appell: Es ist gut und wichtig sich mit Arbeitsbedingungen in der Privatwirtschaft auseinanderzusetzen, so wie die DGUF es beispielsweise seit einigen Jahren versucht. Es gibt verschiedene Ansätze sich diesem Thema zu nähern. Aber wenn man Berichte über die Jobaussichten von Absolvent*innen schreibt, dann wäre es gut mehr mit Absolvent*innen und Berufseinsteiger*innen zu sprechen. Eine langfristige Verbesserung der Situation können wir zudem nur erreichen, wenn wir uns ohne Chefs organisieren – sei es in Betriebsräten, Gewerkschaften oder in der Kaffeepause.
Quellen
Gutsmiedl-Schümann et. al 2021
Doris Gutsmiedl-Schümann/Raimund Karl/Thomas Meier/Christiane Ochs/Sophie-Marie Rotermund/Stefan Schreiber, Prekariat und Selbstausbeutung zwischen einer Kultur des Jammerns und „Self-Empowerment“ – Einführung zur Diskussionsrunde des Forums Archäologie in Gesellschaft (FAiG). In: Archäologische Informationen 44, 2021, 105-110.
Reller/Schmidt 2023
Johannes Reller/Jonathan Schmidt, Kritische Anmerkungen Zu Den Aktuellen Absolventenzahlen Und Berufsaussichten in Den Fächern Ur- Und Frühgeschichte Sowie Archäologie Des Mittelalters Und Neuzeit. In: Archäologische Informationen 46, 2023, 181-188.
Siegmund 2024
Frank Siegmund, Deutliche Lohnverbesserungen im Jahr 2023 und Wachstumspläne für 2024 – DGUF-Monitoring-Report privatwirtschaftliche Archäologie 2023. In: Archäologische Informationen 47, 2024, 261-270
Siegmund 2025a
Frank Siegmund, Die Studierenden- und Absolventenzahlen in den Fächern Ur- und Frühgeschichte sowie Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit und Provinzialrömische Archäologie im Jahr 2024. In: Archäologische Informationen 48, Early View.
Siegmund 2025b
Frank Siegmund, Rundum Wachstum: Umsatz, Personalstärke, Gehälter – DGUF-Monitoring-Report privatwirtschaftliche Archäologie 2024. In: Archäologische Informationen 48, Early View.
Siegmund 2025c
Frank Siegmund, Arbeitsmarkt ur- und frühgeschichtliche Archäologie in Deutschland: aktueller Stand und Entwicklungen. In: Archäologische Informationen 48, Early View.
Anmerkung: Im Teil zu den Löhnen in der Privatwirtschaft waren Punkte unklar, danke an den Hinweis aus der Community. Wir haben daher Anpassungen vorgenommen.