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Warum brauchen wir einen Berufsverband?

Warum brauchen wir einen Berufsverband?

dazu ein Gastbeitrag von Sascha Piffko.

Studiert hat Sascha Piffko Vor-und Frühgeschichtliche Archäologie, klassische Archäologie und Geschichtswissenschaften in Gießen. Seit 2007 ist er als Grabungsleiter beschäftigt, zuerst auf Werkvertrag, dann angestellt beim Land Hessen. Seit 2015 leiter er seine eigne Grabungsfirma SPAU, die inzwischen 10 Festangestellte beschäftigen kann. Er setzt sich ein für faire Arbeitsbedingungen in der Archäologie.

Was macht ein Berufsverband?

Er kontrolliert und prüft die archäologischen Arbeiten. Er nimmt Beschwerden entgegen, prüft diese. Er zeigt ungesetzliche Handlungen an (Schwarzarbeit, Förderung der Scheinselbstständigkeit, fehlende Arbeitssicherheit, Unterlaufen des Mindestlohns,…), bietet Rechtsberatung.

Ein Berufsverband könnte für besonders gute Arbeitgeber Zertifikate und Auszeichnungen verteilen. Diese sind werbewirksam. Ein Auftraggeber der einen unzertifizierten Betrieb beauftragt, muss befürchten dass es zu Unregelmäßigkeiten kommt, dass die Arbeiten ungenügend ausgeführt werden, dass er Ärger mit dem Amt bekommt, etc.

Denn: Unzertifizierte Arbeitgeber werden weniger Personalauswahl bekommen.

Warum keine Gewerkschaft gründen?

Gewerkschaften vertreten die Arbeitnehmer gegen den Arbeitgeber. In der Archäologie sind jedoch viele sowohl Arbeitgeber, als auch Arbeitnehmer. Amtsarchäologen werden teilweise ebenso von ihren Ämtern missbraucht, wie sie selbst die weisungsgebundenen Kräfte missbrauchen. Amtsarchäologen werden zudem von VERDI vertreten.

Kampfmittel der Gewerkschaft ist der Streik. Ein solcher ist jedoch in der Archäologie recht wirkungslos. Eine Gewerkschaft wäre also ein recht zahnloses Gebilde.

Zur beruflichen Situation in der Archäologie

Helme

In der Archäologie bestehen seit vielen Jahren Missstände. Diese sind weder in der Öffentlichkeit noch in unserem Fach in der Diskussion. Sie werden toleriert, verschwiegen, verleugnet, kleingeredet. Dabei sind diese Probleme schlichtweg existentiell:

Es ist nur wenigen Archäologen vergönnt, mit ihrem Beruf tatsächlich alt und glücklich zu werden. Wer seine Laufbahn in der Archäologie startet, der tut dies fast immer mit einem hohen Grad an Enthusiasmus, mit Engagement und Leidensfähigkeit. Kurzzeitige Verträge, unbezahlte Überstunden, ehrenamtliche Leistungen, hohes eigenes gesundheitliches und wirtschaftliches Risiko und vieles anderes wird in Kauf genommen,weil es

“ in der Archäologie nun mal so ist“.

Und weil eine stabilere Zukunft vage in Aussicht gestellt wird. Scheinbar karrierefördernde Verbindungen zu archäologischen Würdenträgern (Professoren, Kreis- und Bezirksarchäologen, Museumsmitarbeitern, Wissenschaftlern) gaukeln dem Berufseinsteiger eine Perspektive vor, die sich dem kritischen Betrachter als Glücksspiel mit maximalem Einsatz bei geringster Gewinnchance und unrentabler Gewinnsumme entpuppt.

Wer sich erst einmal in den Kreislauf der Abhängigkeit begeben hat, entkommt diesem im Normalfall nicht wieder ohne sich auch aus der Archäologie zu verabschieden.

So merken sehr viele Archäologen nach einem zeitaufwendigen Studium und langjähriger kräfteraubender Arbeit auf Grabungen, an Forschungsinstituten und Universitäten dass sie in einer Sackgasse gelandet sind. Der scheinbar wohlwollende Würdenträger wendet sich ab, entlässt den inzwischen anspruchsvoller werdenden Zögling aus seiner Gunst und sucht sich einen neuen willfährigen Helfer, der voll Bewunderung und Hoffnung den Platz einnimmt.

Glücklich kann sich schätzen wer in dieser Zeit sozialversichert angestellt war und über einen längeren Zeitraum in die Sozialkassen eingezahlt hat.

Leider reichen oft der Vertragszeitraum und der Lohn nicht einmal für einen Anspruch auf Arbeitslosengeld! Wer mit Hartz IV über den Winter gekommen ist, der nimmt im Frühjahr jeden noch so unterbezahlten Grabungsjob an.

Eine noch schlimmere Folge der befristeten, immer wieder unterbrochenen Arbeitsverträge und, noch viel schlimmer, der Werkverträge sind eine fehlende Risiko- und Altersversorgung.

Viel zu oft wird erst spät an eine Altersversorgung gedacht, nicht bedenkend, dass insbesondere die Dauer der Einzahlung einen höheren Ertrag abwirft und man auch eine gewisse Zeit eingezahlt haben muss, um überhaupt einen Anspruch auf Rente zu erwerben.

Leichtfertig und dumm hangelt sich so manch ein Archäologe von Werkvertrag zu Werkvertrag, ohne Rücklagen für die Altersversorgung zu bilden.

Die Werkverträge sind fast immer ein Mittel des Auftraggebers, sich der Verantwortung gegenüber dem Arbeitnehmer zu entziehen. Der Werkvertragstätige ist selbst verantwortlich für Krankheit, Unfall, Altersversorgung und Arbeitslosigkeit. Der Werkvertrag ist nur dann rentabel wenn der Werktätige sich aus dem Ertrag seinen Urlaub, seine Versicherungen und seinen Lebensunterhalt leisten kann und ausreichend Rücklagen bildet für auftragslose Zeiten

Und was ist mit dem Stundenlohn?

Leider wird in unserem Fach zu oft über den Stundenlohn gesprochen, er ist das Maß aller Dinge.

Dabei wird nicht unterschieden zwischen sozialversicherter Einstellung und Werkvertrag; Vollzeitstelle und Bezahlung gegen Stundennachweis, befristet und unbefristetem Vertrag.

Viel entscheidender sind das Jahreseinkommen, die Risikoabsicherung und Altersversorgung.

Und die Zukunftsperspektive?

Und als zweites die Zukunftsperspektive: Wie lange kann ich den aktuellen Job ausüben? Was passiert wenn ich mich mit meinem Arbeitgeber in Streit gerate? Wie hoch sind die Chancen anderswo mit meinen Qualifikationen unterzukommen? Wer zehn Jahre als Grabungsleiter gearbeitet hat, wird nur schwer an einen Posten in einem Museum gelangen.

Schubkarre und Handschuhe

Deswegen brauchen wir einen Berufsverband

Ergebnis dieser Missstände ist leider, dass nur die wenigsten in unserem Fach die Erfüllung finden, nur sehr wenige schaffen es, ihre Lebensträume von Familie, eigenem Haus oder einem stabilen Wohlstand zu schaffen. Trotz Abitur, trotz erfolgreichem Studium.

Ganz einfache Werte, die für jeden Handwerker und Angestellten selbstverständlich sind, bleiben für uns fremd.

Aus diesen Gründen müssen wir daran arbeiten die Missstände zu beseitigen, faire Arbeitsbedingungen einzufordern und zu erlangen. Auf der anderen Seite müssen Qualitätsstandards eingeführt werden um unsere Arbeit sicherer und besser zu machen.

Dies wird nicht jemand anderes für uns tun, das müssen wir selbst erreichen.

In den Gesprächen mit Bewerbern oder Kollegen in anderen Firmen werden oft seltsame Forderungen aufgestellt: Wichtig erscheinen Diensthandys, Kilometergeld, Dienstwagen, Arbeitsschuhe.

Diese Dinge sind entweder nebensächlich oder aber gesetzlich verankerte Selbstverständlichkeit

Viel wichtiger ist eine Zukunftsperspektive, Sicherheit und dauerhafte Freude an der Arbeit!

 

P.S.:

Wie kann ich mich weitergehend mit dem Thema Berufsverband in der Archäologie beschäftigen?

Ganz einfach: der Arbeitskreis Berufsverband der DGUF bietet ab dem 6. März 2017 eine webbasierte Vortagung zum Thema Berufsverband an. Diese wird 15 Wochen lang die Möglichkeit bieten, über bestehende Verbandsstrukturen, Problematiken, Lösungsansätzen und Ideen zum Thema Berufsverband zu diskutieren. Alle dort entstanden Ergebnisse werden dirket in die eigentlich Tagung am 4.Juli 2017 in Mainz einfliessen.

 

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2 Gedanken zu „Warum brauchen wir einen Berufsverband?“

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